Die DIA übernimmt: SUN STREAK (1985–1990)
1984 und 1985 wurde zunehmend darüber diskutiert, wie das militärische Remote-Viewing-Programm weitergeführt werden sollte. Schließlich kam es zu einer grundlegenden organisatorischen Veränderung. Am 11. Februar 1985 wurde zwischen INSCOM und der Defense Intelligence Agency eine Vereinbarung zur Übernahme der operativen Verantwortung geschlossen. Damit endete die zentrale Verantwortung von INSCOM für die operative Einheit.
DRAGOON ABSORB – Die Übergangsphase
Während der Übernahme durch die DIA wurde zeitweise der Projektname DRAGOON ABSORB verwendet. Die Bezeichnung wird hauptsächlich mit der Übergangsphase von 1985 bis 1986 verbunden. In historischen Übersichten erscheint DRAGOON ABSORB deshalb häufig nur als kurze Zwischenstation zwischen CENTER LANE und SUN STREAK.
Das ist ein wichtiger Hinweis auf die tatsächliche Entwicklung der Programme: Die verschiedenen Decknamen bedeuteten nicht, dass jedes Mal eine völlig neue Forschungsgruppe entstand. Vielmehr wurde eine bestehende Fähigkeit unter neuen administrativen Bedingungen fortgesetzt. Die Mitarbeiter, die Ausbildungsmethoden und die praktische Arbeit wiesen erhebliche Kontinuität auf. Gleichzeitig veränderten sich die Zuständigkeiten, die Finanzierung und die Verfahren zur Anforderung nachrichtendienstlicher Informationen.
SUN STREAK – Das Programm unter der DIA
Ab 1986 wurde SUN STREAK zur maßgeblichen Bezeichnung des operativen Programms. Die DIA war nun für die Organisation verantwortlich, während die Einheit weiterhin in Fort Meade arbeitete. Es war eine Phase, in der mehrere unterschiedliche Remote-Viewing-Verfahren nebeneinander verwendet wurden. Die militärische CRV-Ausbildung hatte inzwischen ein hohes Entwicklungsniveau erreicht. Allerdings arbeiteten nicht alle Viewer ausschließlich mit CRV. Einige bevorzugten freiere Formen des Remote Viewing. Andere verwendeten Verfahren, bei denen Entspannung, innere Bilder oder veränderte Bewusstseinszustände eine größere Rolle spielten. Die praktische Methodenlandschaft war daher vielfältiger, als es eine ausschließliche Konzentration auf das CRV-Protokoll vermuten lässt.
Extended Remote Viewing und andere Verfahren
Neben CRV wurde auch Extended Remote Viewing, kurz ERV, verwendet. ERV bezeichnete Vorgehensweisen, bei denen der Viewer häufig in einem entspannten Zustand arbeitete und über einen längeren Zeitraum Eindrücke zum Target sammelte. Ein Monitor konnte die Sitzung begleiten und den Viewer durch gezielte Fragen führen. Die Verfahren unterschieden sich in ihrer Struktur deutlich vom klassischen CRV. CRV beruhte auf einem formalisierten Arbeitsablauf mit definierten Stufen. ERV legte größeren Wert auf einen geeigneten Bewusstseinszustand und die kontinuierliche Exploration. Beide Ansätze wurden im militärischen Umfeld eingesetzt. Die Existenz verschiedener Methoden zeigt, dass die operativen Verantwortlichen nicht ausschließlich an der Entwicklung eines einzigen perfekten Protokolls interessiert waren. Vorrang hatte die Gewinnung möglichst brauchbarer Informationen. Welches Verfahren dafür verwendet wurde, konnte von den Erfahrungen und Vorlieben des jeweiligen Viewers abhängen.
Die Rolle von Robert Monroe
Ein weiterer Name, der im historischen Umfeld des militärischen Remote Viewing auftaucht, ist Robert Monroe (1915–1995). Er war Gründer des Monroe Institute und Entwickler der Hemi-Sync-Audiotechnologie. Seine Arbeit mit Entspannungs- und Bewusstseinszuständen stand zeitweise in Verbindung mit militärischen Untersuchungen.
Monroe beschäftigte sich mit außerkörperlichen Erfahrungen und veränderten Bewusstseinszuständen. Seine Hemi-Sync-Technologie verwendete akustische Signale, die bestimmte Wahrnehmungs- und Entspannungszustände begünstigen sollten. Einige militärische Mitarbeiter nahmen an entsprechenden Trainingsangeboten teil.
Diese Aktivitäten sind teilweise durch freigegebene Unterlagen dokumentiert. Man sollte daraus jedoch nicht schließen, dass Hemi-Sync die Grundlage des CRV-Protokolls war. Die strukturierte CRV-Methode wurde von Swann mit Unterstützung von Puthoff entwickelt. Die Monroe-Verfahren gehörten zu einem anderen Forschungs- und Trainingsansatz, auch wenn es personelle und organisatorische Berührungspunkte gab. Ebenso sollte das bekannte Gateway Process-Dokument nicht mit dem eigentlichen Remote-Viewing-Programm gleichgesetzt werden. Die betreffenden Untersuchungen waren teilweise miteinander verbunden, verfolgten aber nicht durchgehend dieselben Ziele.
Die operative Arbeit in den späten 1980er-Jahren
SUN STREAK bearbeitete weiterhin nachrichtendienstliche Aufgaben. Dazu gehörten Berichte über ausländische militärische Einrichtungen, technische Systeme und Personen. Die erhaltenen Akten enthalten sowohl formalisierte Protokolle als auch Skizzen und zusammenfassende Bewertungen. Teilweise wurden verschiedene Viewer unabhängig voneinander auf dasselbe Target angesetzt. Damit hoffte man, wiederkehrende Merkmale identifizieren und möglicherweise zuverlässigere Informationen gewinnen zu können. Eine solche Übereinstimmung mehrerer Viewer war allerdings nicht automatisch ein Beweis für die Richtigkeit der Aussagen. Auch mehrere Personen können ähnliche Fehlinterpretationen entwickeln, insbesondere wenn die Aufgabenstellung gemeinsame Hinweise enthält. Entscheidend war daher die anschließende unabhängige Überprüfung.
Genau hier blieb eines der größten Probleme des Programms bestehen. Ein Viewer konnte ein sehr detailliertes Bild eines Zielortes liefern, ohne dass der Auftraggeber feststellen konnte, welche Elemente zutreffend waren. Für wissenschaftliche Forschung war dies unbefriedigend. Für die militärische Praxis konnte eine solche Beschreibung dennoch einen Anlass darstellen, weitere Aufklärungsmaßnahmen einzuleiten.
Edwin May übernimmt die wissenschaftliche Leitung
Während SUN STREAK die operativen Aktivitäten fortsetzte, veränderte sich auch die Forschung am SRI. 1985 übernahm Edwin May die maßgebliche wissenschaftliche Leitung des Forschungsprogramms. Targ hatte das Forschungsprogramm 1982 verlassen. Puthoff schied im August 1985 aus und gründete beziehungsweise übernahm den Aufbau des Institute for Advanced Studies in Austin, Texas.
Edwin May legte großen Wert auf statistische Analysen und kontrollierte Experimente. Unter seiner Leitung wurde die Forschung zunehmend auf bestimmte, experimentell überprüfbare Fragestellungen konzentriert. Ein wichtiges Thema war die Frage, ob die Art des Targets Einfluss auf die Qualität einer Remote-Viewing-Beschreibung hatte. May und seine Mitarbeiter untersuchten unter anderem Targets mit unterschiedlichen visuellen und strukturellen Eigenschaften.
Die Forschungsgruppe entwickelte außerdem neue Verfahren zur Analyse und Bewertung von Übereinstimmungen zwischen Targets und Beschreibungen. In dieser Phase verwendeten die Forscher zunehmend Begriffe wie Anomalous Cognition. Damit sollte der zu untersuchende Sachverhalt beschrieben werden, ohne sich auf das traditionelle Vokabular von Hellsehen oder Parapsychologie festzulegen. Der Begriff bezeichnete eine behauptete Informationsgewinnung, die nicht durch bekannte sensorische Mechanismen erklärt werden konnte.
Forschung und Anwendung entfernen sich methodisch voneinander
1989 beendete Ingo Swann seine Zusammenarbeit mit dem SRI. Zudem wurde gegen Ende der 1980er-Jahre der Unterschied zwischen Forschung und Anwendung besonders deutlich. Die operative Einheit stellte weiterhin konkrete Fragen zu unbekannten Zielen. Die Forschung versuchte dagegen, bestimmte Variablen unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen.
Beispielsweise konnte ein Experiment mit zufällig ausgewählten Fotos und einer statistischen Zielbewertung wissenschaftlich wesentlich aussagekräftiger sein als eine komplexe militärische Aufgabe. Für einen Nachrichtendienst war eine solche Laboraufgabe allerdings möglicherweise weniger interessant. Aus einer statistisch auffälligen Übereinstimmung zwischen Bildmaterial und Versuchsbeschreibung folgt nicht zwangsläufig, dass ein Viewer eine geheime Raketenanlage zuverlässig beschreiben kann. Diese Unterscheidung wurde später entscheidend für die Abschlussbewertung von 1995. Denn dort ging es gleichzeitig um zwei verschiedene Fragen:
Gibt es in den experimentellen Daten statistisch auffällige Ergebnisse? Und:
Können Nachrichtendienste mit Remote Viewing zuverlässig verwertbare Informationen gewinnen?
Die beiden Fragen müssen nicht zwangsläufig dieselbe Antwort haben.
Der Höhepunkt und die letzte Phase: STAR GATE (1990–1995)
1989 fiel die Berliner Mauer und 1991 zerfiel die Sowjetunion. Damit veränderte sich das strategische Umfeld, in dem die amerikanischen Remote-Viewing-Programme entstanden waren, grundlegend. Die Sorge, möglicherweise einen sowjetischen Vorsprung in der Erforschung paranormaler Fähigkeiten ausgleichen zu müssen, verlor einen großen Teil ihrer früheren politischen Bedeutung.
Gleichzeitig standen amerikanische Nachrichtendienste vor einer Neuordnung ihrer Aufgaben. Das bedeutete zunehmenden Rechtfertigungsdruck für Programme, deren Nutzen schwer nachweisbar war. Die Remote-Viewing-Einheit musste zeigen, dass sie nicht nur interessante experimentelle Ergebnisse, sondern konkrete, nachrichtendienstlich verwertbare Leistungen erbringen konnte.
Der Name STAR GATE
Um 1990/1991 erhielt das Programm die Bezeichnung STAR GATE. Dieser Name wurde später zum bekanntesten Sammelbegriff der gesamten amerikanischen Remote-Viewing-Geschichte. Historisch ist das allerdings eine Vereinfachung. Die frühen Untersuchungen am SRI in den 1970er-Jahren, die GRILL-FLAME-Aktivitäten und das militärische CENTER-LANE-Programm hießen ursprünglich nicht STAR GATE. Erst in der letzten Programmphase wurde diese Bezeichnung verwendet. Nach der Offenlegung von 1995 setzte sich der Name jedoch als Oberbegriff für die gesamte staatliche Remote-Viewing-Forschung durch. Dabei ist zudem zu berücksichtigen, dass die wissenschaftliche Forschung und die operative Einheit auch in dieser Phase organisatorisch unterschieden werden müssen. Die DIA beaufsichtigte das staatliche Gesamtprogramm, während die externe Forschung auf Vertragsbasis durchgeführt wurde.
Die Verlagerung der Forschung zu SAIC
Eine weitere bedeutende Veränderung war der Übergang der wissenschaftlichen Forschung vom SRI zu Science Applications International Corporation, kurz SAIC. Dieser Wechsel vollzog sich um 1990/1991. Damit endete die traditionelle Bindung der staatlichen Remote-Viewing-Forschung an das Stanford Research Institute. Edwin May setzte die Untersuchungen im Rahmen der neuen organisatorischen Struktur fort. In der späteren wissenschaftlichen Abschlussbewertung wurden insbesondere SAIC-Experimente aus den Jahren 1992 bis 1994 berücksichtigt. Diese Phase ist wichtig, weil die Untersuchungen nun stärker auf experimentelle Kontrolle, Zufallsverfahren und statistische Bewertungsmethoden ausgerichtet waren. Die Forscher versuchten, frühere methodische Schwächen zu reduzieren. Dazu gehörten insbesondere die Vermeidung unbeabsichtigter Hinweise, die Trennung von Experiment und Auswertung sowie die Dokumentation der Bewertungskriterien.
Allerdings blieben grundlegende Fragen umstritten. Selbst statistisch auffällige Ergebnisse mussten gegen alternative Erklärungen, Selektionsprobleme und methodische Einwände geprüft werden.
Die wissenschaftlichen Fragestellungen der SAIC-Phase
Unter May wurden unterschiedliche Arten von Experimenten durchgeführt. Dazu gehörten Remote-Viewing-Aufgaben mit festgelegten Targetpools, Untersuchungen unterschiedlicher Zielmaterialien und weitere Versuche zur sogenannten anomalous cognition. Auch technische und physikalische Fragestellungen wurden verfolgt. Die Forschung betrachtete Remote Viewing teilweise als eine Form möglicher Informationsübertragung, deren zugrunde liegender Mechanismus unbekannt war. In diesem Zusammenhang wurde auch untersucht, ob physikalische Eigenschaften des Targets oder der Versuchsanordnung mit den Ergebnissen zusammenhängen könnten. Wichtig ist jedoch, dass daraus keine allgemein akzeptierte physikalische Theorie entstand.
Die Versuche lieferten nach Ansicht einiger beteiligter Forscher statistische Auffälligkeiten. Die wissenschaftliche Interpretation blieb umstritten. Das später als Abschlussbewertung bekannt gewordene Gutachten von 1995 beschäftigte sich deshalb ausdrücklich damit, welche Schlussfolgerungen aus diesen Daten gerechtfertigt waren.
Die operativen Aufgaben ändern sich
In der letzten Programmphase wurden die militärischen Viewer nicht mehr ausschließlich zur Untersuchung sowjetischer Ziele eingesetzt. Das Ende des Kalten Krieges veränderte die nachrichtendienstlichen Prioritäten. Zu den Aufgabenbereichen gehörten nun beispielsweise Informationen über gesuchte Personen, Sicherheitsbedrohungen, Drogenhandel und andere internationale Aktivitäten. Die Frage, ob Remote Viewing auch unter diesen veränderten Bedingungen nützlich war, wurde zunehmend kritisch gestellt. Das war besonders wichtig, weil die Auftraggeber nicht nur interessante Beschreibungen benötigten. Sie benötigten Hinweise, die konkret genug waren, um Entscheidungen oder operative Maßnahmen zu unterstützen. Ein allgemeiner Eindruck von Gebäuden, Fahrzeugen oder Personen konnte für eine solche Aufgabe unzureichend sein. Wenn beispielsweise der Aufenthaltsort einer gesuchten Person ermittelt werden sollte, war eine unspezifische Beschreibung einer städtischen Umgebung nur dann nützlich, wenn sie den Suchraum tatsächlich eingrenzen konnte. Für die spätere Evaluation war deshalb nicht allein entscheidend, wie viele einzelne Angaben irgendwie zutreffend erschienen. Vielmehr musste überprüft werden, ob die Ergebnisse tatsächlich einen nachrichtendienstlichen Mehrwert boten.
Die Situation innerhalb des Programms Anfang der 1990er-Jahre
Im Laufe der Jahre hatten zahlreiche Personen das Programm verlassen. Manche wechselten in andere militärische Funktionen, andere schieden aus dem Dienst aus. Mehrere ehemalige Viewer und Verantwortliche begannen, über ihre Erfahrungen zu schreiben. Joseph McMoneagle veröffentlichte 1993 Mind Trek. Ed Dames gründete sein Unternehmen PSI TECH bereits 1989 und begann mit der Ausbildung ziviler Viewer im Technical Remote Viewing, einer von ihm erarbeiteten Abwandlung des CRV.
Damit wurden Erfahrungen aus dem staatlichen Umfeld zunehmend öffentlich diskutiert, obwohl das offizielle Programm noch nicht vollständig offengelegt war. Die Einheit selbst bestand weiter, war aber personell klein. Ihr Fortbestand hing von begrenzten Haushaltsmitteln und der Unterstützung einiger Verantwortlicher ab. Das machte sie gegenüber organisatorischen Veränderungen besonders empfindlich.
Die Neubewertung durch den amerikanischen Kongress
1994 und 1995 wurde die Zukunft des Programms zunehmend auf politischer Ebene diskutiert. Der Kongress verlangte eine Überprüfung der bisherigen Ergebnisse. Dabei sollte insbesondere festgestellt werden, ob die Forschung weitere staatliche Finanzierung rechtfertigte und ob Remote Viewing einen nachweisbaren Beitrag zur nachrichtendienstlichen Informationsgewinnung leisten konnte. Die politische Entscheidung führte schließlich zur Übertragung des Programms von der DIA zurück an die CIA. Diese Übertragung wurde am 1. Juli 1995 offiziell vollzogen. Damit schloss sich in gewisser Weise ein Kreis. Die CIA hatte die frühen Forschungen ab 1972 unterstützt. Mehr als zwanzig Jahre später erhielt sie die Verantwortung, über die Fortsetzung oder Beendigung des verbliebenen Programms zu entscheiden.
Die Übertragung bedeutete jedoch nicht, dass die CIA eine neue große Remote-Viewing-Einheit aufbauen wollte. Vielmehr wurde zunächst eine unabhängige Bewertung angeordnet.
Die Abschlussuntersuchung von 1995
Die CIA beauftragte die American Institutes for Research (AIR) mit einer Evaluierung. Der Abschlussbericht erschien am 29. September 1995 unter dem Titel: An Evaluation of Remote Viewing: Research and Applications}. Verfasser des übergeordneten Berichts waren Michael D. Mumford, Andrew M. Rose und David A. Goslin.
Die Untersuchung bestand aus mehreren Teilen. Einerseits sollte die wissenschaftliche Evidenz bewertet werden. Andererseits sollte überprüft werden, ob Remote Viewing für den nachrichtendienstlichen Einsatz geeignet war. Für die wissenschaftliche Beurteilung wurden insbesondere zwei Experten herangezogen:
Jessica Utts, Professorin für Statistik, die sich intensiv mit der statistischen Bewertung parapsychologischer Experimente beschäftigt hatte.
Ray Hyman, Psychologe und langjähriger Kritiker parapsychologischer Forschung.
Ihre Bewertungen wurden später zu einem zentralen Gegenstand der Diskussion um die Einstellung des Programms.
Jessica Utts – Hinweise auf ein reales Phänomen?
Jessica Utts ist Statistikerin, die im Auftrag der AIR die vorhandenen Forschungsergebnisse untersuchte und zu einer vergleichsweise positiven Bewertung der statistischen Evidenz gelangte. Sie vertrat die Auffassung, dass die in den ausgewerteten Experimenten beobachteten statistischen Auffälligkeiten nicht überzeugend allein durch Zufall erklärt werden könnten. Sie argumentierte, dass die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen eine gewisse Konsistenz aufwiesen. Aus ihrer Sicht gab es ausreichend Hinweise auf einen anomalen Effekt, um weitere rein statistische Existenzprüfungen nicht mehr als wichtigste Forschungsaufgabe anzusehen. Sie schlug vor, sich stattdessen stärker mit der Charakterisierung und den möglichen Bedingungen des Phänomens zu beschäftigen.
Ray Hyman – Warum die Beweislage nicht ausreichte
Ray Hyman, ein Psychologe, interpretierte die Forschungsdaten kritischer und hielt die wissenschaftliche Beweislage nicht für ausreichend, um die Existenz paranormaler Informationsübertragung als gesichert anzusehen. Hyman erkannte an, dass einige der untersuchten Experimente statistisch auffällige Ergebnisse lieferten. Er war jedoch nicht bereit, daraus unmittelbar auf die Existenz einer unbekannten außersinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit zu schließen. Seine Kritik betraf insbesondere die Möglichkeit unerkannter methodischer Probleme, die Interpretation statistischer Zusammenhänge und die Anforderungen an unabhängige Replikationen. Er argumentierte, dass der Nachweis einer statistischen Anomalie nicht automatisch die behauptete paranormale Erklärung bestätige. Auch wenn einfache Zufallsmodelle bestimmte Ergebnisse nicht ausreichend erklären könnten, müssten andere mögliche Ursachen untersucht werden. Damit widersprach er Utts vor allem in der Frage, wie weit die wissenschaftlichen Schlussfolgerungen gehen durften.
Die Bewertung der operativen Ergebnisse
Neben der wissenschaftlichen Forschung wurde die praktische nachrichtendienstliche Anwendung untersucht. Hier fiel die Bewertung deutlich skeptischer aus. Die Untersucher stellten fest, dass viele Remote-Viewing-Berichte allgemeine, mehrdeutige oder nicht ausreichend spezifische Angaben enthielten. Teilweise waren Beschreibungen vorhanden, die im Nachhinein mit bestimmten Aspekten eines Targets in Verbindung gebracht werden konnten. Doch selbst solche Übereinstimmungen lieferten nicht zwangsläufig Informationen, die einen Geheimdienstauftrag tatsächlich voranbrachten. Aus nachrichtendienstlicher Sicht ist beispielsweise ein Satz wie „ich nehme eine große metallische Struktur in einer industriellen Umgebung wahr“ nur begrenzt hilfreich. Selbst wenn sich am Zielort tatsächlich eine große metallische Struktur befindet, muss die Information noch keinen praktischen Nutzen besitzen. Entscheidend ist, ob der Bericht etwas liefert, das vorher unbekannt war und eine konkrete Entscheidung ermöglicht.
Die Evaluierung kam zu dem Ergebnis, dass ein solcher Nutzen durch die untersuchten operativen Unterlagen nicht überzeugend nachgewiesen werden konnte. Das war schließlich der ausschlaggebende Punkt für die politische Entscheidung. Ein staatlicher Nachrichtendienst musste nicht nur beurteilen, ob ein Forschungsgebiet wissenschaftlich interessant war. Er musste entscheiden, ob eine operative Einheit ihren Auftrag mit ausreichender Zuverlässigkeit erfüllen konnte.
Das offizielle Ende von STAR GATE (1995)
Nach Abschluss der AIR-Untersuchung entschied die CIA, das Programm nicht fortzuführen. Die verbliebene staatliche Remote-Viewing-Aktivität wurde eingestellt und die Mitarbeiter wurden anderweitig eingesetzt oder verließen den entsprechenden Dienstbereich.
Damit endete 1995 die dokumentierte, offiziell finanzierte amerikanische Remote-Viewing-Programmlinie, die 1972 am SRI begonnen hatte. Die CIA begründete ihre Entscheidung damit, dass die bisherigen Untersuchungen keine ausreichende Grundlage für eine zuverlässige nachrichtendienstliche Anwendung geliefert hätten. Interessant ist, dass die CIA in ihrer späteren historischen Darstellung durchaus anerkannte, dass im Laufe der Forschung einzelne Ergebnisse aufgetreten waren, die nicht einfach durch Zufall zu erklären schienen. Die Behörde betrachtete das Phänomen (offiziell) jedoch als zu unzuverlässig, uneinheitlich und schwer vorhersehbar für einen praktischen Nachrichtendiensteinsatz.
Einen wertvollen Beitrag auch zur einer differenzierteren Betrachtung des AIR-Berichts liefert das Buch Reading the Enemy's Mind von Paul Smith.