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Die Geschichte des Remote Viewing gehört zu den ungewöhnlichsten Kapiteln der amerikanischen Wissenschafts- und Geheimdienstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Was Anfang der 1970er-Jahre mit experimentellen Untersuchungen eines Physikers und eines Künstlers begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem Forschungsprogramm, das von amerikanischen Nachrichtendiensten finanziert wurde. Daraus ging schließlich eine kleine militärische Spezialeinheit hervor, deren Mitglieder versuchten, Informationen über geheime sowjetische Anlagen, Waffenprogramme, vermisste Personen, militärische Operationen und andere nachrichtendienstlich interessante Ziele zu gewinnen. Über mehr als zwei Jahrzehnte beschäftigten sich damit unter anderem die CIA, die Defense Intelligence Agency (DIA), der militärische Nachrichtendienst INSCOM, die amerikanische Luftwaffe und verschiedene Forschungseinrichtungen. Das Programm überstand zahlreiche Regierungswechsel, Haushaltskürzungen, interne Widerstände und organisatorische Umstrukturierungen. Erst 1995 wurde es offiziell eingestellt.

Besonders bemerkenswert ist dabei die parallele Entwicklung zweier unterschiedlicher Bereiche:

  • Die wissenschaftliche Forschung: Sie sollte untersuchen, ob außersinnliche Informationsgewinnung tatsächlich existiert, unter welchen Bedingungen sie auftritt und ob sie systematisch verbessert werden kann.

  • Die geheimdienstliche und militärische Anwendung: Hier ging es nicht in erster Linie um den wissenschaftlichen Nachweis eines Phänomens, sondern darum, Informationen zu beschaffen, die mit herkömmlichen nachrichtendienstlichen Methoden schwer oder überhaupt nicht zugänglich waren.

Diese beiden Bereiche beeinflussten sich gegenseitig, entwickelten aber unterschiedliche Prioritäten.

Ein weiterer entscheidender Schritt war die Entwicklung des Coordinate Remote Viewing, aus dem die heute bekannte CRV-Methodik hervorging.

Die Vorgeschichte: Wie alles begann (bis 1972)

Remote Viewing wurde nicht aus dem Nichts erfunden. Die Vorstellung, ein Mensch könne Informationen über entfernte Orte, Menschen oder Ereignisse wahrnehmen, ohne seine bekannten Sinnesorgane einzusetzen, ist wesentlich älter als die moderne Remote-Viewing-Forschung.

Bereits im 19. Jahrhundert interessierten sich Wissenschaftler, Ärzte, Philosophen und Psychologen für Phänomene wie Telepathie, Hellsehen und außerkörperliche Erfahrungen. 1882 wurde in Großbritannien die Society for Psychical Research gegründet. Sie sollte angebliche übersinnliche Phänomene möglichst systematisch untersuchen. Zu den frühen Forschern gehörten Frederic W. H. Myers, Edmund Gurney und Henry Sidgwick. In den folgenden Jahrzehnten entwickelten sich daraus unterschiedliche Forschungsrichtungen. Der französische Forscher René Warcollier führte in den 1920er-Jahren Versuche zur gedanklichen Übertragung von Bildern und Vorstellungen durch. 1921 erschien sein Buch La Télépathie. 1930 veröffentlichte der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair sein Buch Mental Radio, in dem er Experimente zur telepathischen Übertragung von Bildern beschrieb.

Besonders wichtig für die spätere experimentelle Parapsychologie wurde Joseph Banks Rhine, der in den 1930er-Jahren an der Duke University statistisch ausgewertete Versuche zur außersinnlichen Wahrnehmung durchführte. Rhine verwendete unter anderem die bekannten Zener-Karten mit fünf verschiedenen Symbolen. Sein Ansatz unterschied sich grundsätzlich von den älteren Berichten über spiritistische Sitzungen und außergewöhnliche Einzelerlebnisse: Er versuchte, behauptete außersinnliche Fähigkeiten unter wiederholbaren experimentellen Bedingungen zu untersuchen.

Damit entstand eine wesentliche Grundlage für die spätere Remote-Viewing-Forschung. Allerdings hatten diese frühen Experimente ein methodisches Problem: Viele Aufgaben bestanden aus der Identifikation abstrakter Symbole. Die Versuche untersuchten damit nur einen sehr begrenzten Ausschnitt möglicher Wahrnehmungsleistungen. Das spätere Remote Viewing sollte einen anderen Weg einschlagen. Statt lediglich zu entscheiden, welches von fünf Symbolen auf einer verdeckten Karte abgebildet war, sollten Versuchspersonen ganze Orte, Gegenstände, räumliche Strukturen und Ereignisse frei beschreiben. Die Entwicklung dieser sogenannten Free-Response-Verfahren war ein entscheidender Schritt.



Der Kalte Krieg und die sowjetische Parapsychologieforschung

Ein zweiter wesentlicher Faktor war die politische Situation nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion entwickelte sich ein umfassender Wettbewerb um militärische, technologische und wissenschaftliche Überlegenheit. Beide Supermächte investierten enorme Mittel in die Entwicklung neuer Waffen, Aufklärungssysteme und Nachrichtendienstmethoden. Auf amerikanischer Seite entstand dabei die Sorge, dass die Sowjetunion auch sogenannte psychoenergetische Phänomene für militärische Zwecke untersuchen könnte. Insbesondere sowjetische Berichte über Telepathie, psychophysiologische Beeinflussung und ungewöhnliche Formen der Informationsübertragung weckten das Interesse amerikanischer Nachrichtendienste. Die sowjetischen Bemühungen in diesem Bereich stützten sich dabei auf das okkulte Wissen der Nationalsozialisten, das mit Ende des Zweiten Weltkriegs seinen Weg in die Sowjetunion fand.

Einige amerikanische Analysen vermuteten, dass sowjetische Forschungseinrichtungen erhebliche Mittel in solche Untersuchungen investierten. Die zugrunde liegenden Schätzungen waren allerdings unsicher; sie sollten nicht mit nachgewiesenen, funktionierenden sowjetischen Fähigkeiten verwechselt werden. Aus Sicht amerikanischer Nachrichtendienstmitarbeiter stellte sich dennoch eine strategische Frage: Was wäre, wenn die Sowjetunion tatsächlich eine Möglichkeit fände, Informationen unabhängig von physischer Entfernung und herkömmlichen Kommunikationswegen zu gewinnen?

Die Folgen könnten erheblich sein. Geheime militärische Anlagen, Raketenstellungen, Forschungsprojekte oder strategische Entscheidungen wären möglicherweise nicht mehr durch gewöhnliche Sicherheitsmaßnahmen geschützt. In der Logik des Kalten Krieges musste man daher nicht zwingend von der Existenz solcher Fähigkeiten überzeugt sein, um ihre Untersuchung für sinnvoll zu halten. Es konnte bereits ausreichen, dass ein Gegner daran forschte und man selbst einen möglichen technologischen oder nachrichtendienstlichen Rückstand vermeiden wollte. Dieser strategische Gedanke trug wesentlich dazu bei, dass später Geld für Remote-Viewing-Forschung bereitgestellt wurde.



Ingo Swann – die zentrale Figur der frühen Entwicklung

Ingo Swann (1933–2013) war Künstler, Autor und einer der einflussreichsten experimentellen Teilnehmer der frühen Remote-Viewing-Forschung. Später wurde er zum wichtigsten Entwickler des strukturierten Coordinate Remote Viewing.

Er beschäftigte sich schon vor seiner Zusammenarbeit mit dem Stanford Research Institute intensiv mit außersinnlicher Wahrnehmung. Anfang der 1970er-Jahre nahm er in New York an verschiedenen parapsychologischen Experimenten teil. Dabei arbeitete er unter anderem mit Gertrude Schmeidler, Cleve Backster und Forschern der American Society for Psychical Research (ASPR) zusammen. Swann interessierte sich nicht nur dafür, ob außergewöhnliche Wahrnehmungen auftreten konnten. Ihn beschäftigte vor allem, wie man solche Wahrnehmungen gezielt auslösen und ihre Qualität verbessern könnte. Er nahm an Experimenten teil, bei denen er entfernte Orte beschreiben sollte. Dazu gehörten Versuche mit Wetterbedingungen in anderen Städten und sogenannte Beacon-Experimente, bei denen eine Person einen entfernten Zielort aufsuchte. Diese Untersuchungen gehören zur unmittelbaren Vorgeschichte des modernen Remote Viewing.

Der Begriff Remote Viewing wurde bereits in diesem frühen Umfeld verwendet, bevor er am SRI systematisch aufgegriffen wurde. Swann wollte eine Bezeichnung etablieren, die möglichst neutral war und keine bestimmte Erklärung des Phänomens voraussetzte. Begriffe wie Hellsehen, Astralprojektion oder außerkörperliche Erfahrung waren bereits mit religiösen, esoterischen oder philosophischen Vorstellungen verbunden. Remote Viewing sollte dagegen zunächst nur den behaupteten Vorgang beschreiben: die Wahrnehmung eines entfernten oder anderweitig unzugänglichen Ziels. Diese begriffliche Neutralität erwies sich später als wichtig, um die Untersuchungen gegenüber naturwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen und staatlichen Auftraggebern darzustellen.

Die Entstehung des Forschungsprogramms am SRI (1972–1975)

Das Stanford Research Institute befand sich in Menlo Park in Kalifornien. Es war ursprünglich mit der Stanford University verbunden, entwickelte sich jedoch zu einer eigenständigen Forschungseinrichtung. Das SRI war keine kleine parapsychologische Gesellschaft, sondern ein etabliertes Institut, das unter anderem für Unternehmen, staatliche Auftraggeber und das amerikanische Verteidigungsministerium technische Forschung betrieb.

Dort arbeitete der Physiker Harold Puthoff (geboren 1936). Er organisierte und leitete wesentliche Teile der frühen Untersuchungen des Remote Viewing und spielte eine zentrale Rolle beim Aufbau der staatlich finanzierten Forschung. Puthoff beschäftigte sich ursprünglich mit Lasertechnik, Elektronik und physikalischen Fragestellungen. Gleichzeitig entwickelte er ein Interesse an ungewöhnlichen Bewusstseinsphänomenen. 1972 kam es durch Kontakte aus dem Umfeld von Cleve Backster zu einer Verbindung zwischen Puthoff und Ingo Swann. Swann berichtete von seinen bisherigen Experimenten und schlug vor, seine Fähigkeiten unter kontrollierten Laborbedingungen zu untersuchen. Puthoff zeigte Interesse. Damit begann eine Zusammenarbeit, die die Entwicklung des Remote Viewing für die folgenden Jahrzehnte prägen sollte.



Das Magnetometer-Experiment von 1972

Eines der ersten Experimente mit Swann am SRI hatte zunächst wenig mit dem späteren klassischen Remote Viewing zu tun. Es ging um eine mögliche psychokinetische Beeinflussung eines hochempfindlichen physikalischen Messsystems. Swann sollte versuchen, die Anzeige eines abgeschirmten Magnetometers allein durch geistige Konzentration zu verändern. Das Gerät war Teil einer empfindlichen Versuchsanordnung. Nach den Berichten der Beteiligten traten während des Experiments Auffälligkeiten in den Messdaten auf. Puthoff interpretierte diese als möglicherweise ungewöhnlichen Effekt und berichtete darüber. Dass die beobachteten Veränderungen eindeutig durch Psychokinese verursacht wurden, ist dagegen nicht wissenschaftlich gesichert. Historisch war jedoch weniger der endgültige Nachweis entscheidend als die Wirkung, die diese Versuche auf potenzielle staatliche Auftraggeber hatten. Puthoff berichtete über die Beobachtungen, und die Ergebnisse gelangten in das Blickfeld von Mitarbeitern der CIA.



Die CIA wird aufmerksam

Eine wichtige Rolle spielte der CIA-Wissenschaftler Christopher „Kit“ Green. Green war Arzt und wissenschaftlicher Berater im Umfeld technischer Nachrichtendienstforschung. Nachdem die CIA Informationen über Swanns Experimente erhalten hatte, entstand Interesse an einer systematischen Untersuchung. Die CIA war nicht nur an möglicher Psychokinese interessiert. Viel interessanter erschien ihr die Frage, ob Menschen auf ungewöhnliche Weise Informationen über entfernte oder geheime Einrichtungen gewinnen könnten. Wäre das möglich, ließe sich die Fähigkeit möglicherweise als Ergänzung zur technischen und menschlichen Aufklärung einsetzen. Noch 1972 wurden entsprechende Versuche am SRI organisiert.

CIA-Mitarbeiter und wissenschaftliche Beobachter konnten sich dabei selbst mit der Versuchsanordnung auseinandersetzen. Die CIA unterstützte anschließend ein zunächst begrenztes Forschungsprogramm finanziell. Damit begann die direkte staatliche Förderung jener Untersuchungen, aus denen später die amerikanischen Remote-Viewing-Programme hervorgingen. Das ist der eigentliche historische Wendepunkt: Aus individuellen parapsychologischen Versuchen wurde eine staatlich unterstützte Untersuchung mit möglicher nachrichtendienstlicher Zielsetzung.



Russell Targ kommt hinzu

Mit Russell Targ (geboren 1934) erhielt das Forschungsprogramm des SRI im Jahr 1972 einen zweiten wichtigen Wissenschaftler. Targ verfügte über einen Hintergrund in Physik und Lasertechnologie. Gemeinsam entwickelten Puthoff und Targ Versuchsanordnungen, mit denen die behauptete Fähigkeit zur Wahrnehmung entfernter Ziele untersucht werden sollte. Die Aufgaben waren zunächst vergleichsweise einfach. Eine Versuchsperson befand sich in einem abgeschirmten oder reizarmen Raum am SRI. Eine andere Person suchte einen entfernten Ort auf. Der Viewer sollte den Ort beschreiben, ohne zu wissen, wohin die andere Person gegangen war. Anschließend wurden die Aufzeichnungen mit dem tatsächlichen Zielort verglichen.

Dieses Verfahren wurde als Outbounder- oder Beacon-Experiment bezeichnet. Im Kern enthielt es bereits mehrere Bestandteile, die später für Remote Viewing typisch wurden:

  • Trennung des Viewers von den Informationen über das Target.

  • Festlegung eines Zielortes vor oder während des Versuchs.

  • Schriftliche oder zeichnerische Dokumentation der Wahrnehmungen.

  • Nachträglicher Vergleich mit dem tatsächlichen Ziel.

  • Einsatz unabhängiger Beurteiler, um Treffer nicht allein durch den Versuchsleiter bewerten zu lassen.

Diese Versuchsmethodik entwickelte sich weiter und wurde mit zunehmendem Interesse staatlicher Auftraggeber anspruchsvoller.



Die frühen SRI-Versuche mit entfernten Orten

1972 und 1973 führte das Forschungsteam verschiedene Serien durch, bei denen entfernte geografische Orte beschrieben werden sollten. Dabei stellten sich mehrere grundlegende Fragen:

  • Kann ein Viewer einen Ort beschreiben, den er nicht kennt?

  • Spielt die Entfernung eine Rolle?

  • Muss eine andere Person als sogenannter Beacon am Zielort anwesend sein?

  • Kann ein Ziel lediglich durch geografische Koordinaten bezeichnet werden?

  • Und lassen sich die Ergebnisse unter Bedingungen erzielen, die gewöhnliche Informationsübertragung möglichst ausschließen?

Die frühen Forscher berichteten von einzelnen auffälligen Übereinstimmungen zwischen den Beschreibungen der Viewer und den jeweiligen Zielorten. Gleichzeitig war die Auswertung schwierig. Bei offenen Beschreibungen können Aussagen teilweise, vollständig oder gar nicht zum Ziel passen. Zudem besteht die Gefahr, dass nachträglich passende Elemente hervorgehoben und unpassende Angaben weniger stark berücksichtigt werden. Deshalb entwickelten Puthoff und Targ Verfahren, bei denen unabhängige Beurteiler mehrere mögliche Zielorte und mehrere Protokolle gegeneinander vergleichen sollten. Aus diesen Untersuchungen entstanden die ersten umfangreicheren Forschungsberichte des SRI.



Pat Price – der außergewöhnliche frühe Viewer

Neben Swann wurde Pat Price einer der wichtigsten frühen Viewer. Price (1918–1975) war ein ehemaliger Polizeibeamter aus Kalifornien, dem außergewöhnliche Fähigkeiten zur Beschreibung entfernter Orte zugeschrieben wurden. Seine Beschreibungen geheimer Anlagen überzeugten einige staatliche Beobachter davon, die Forschung fortzusetzen.

Er kam über persönliche Kontakte in das Umfeld der SRI-Forschung und nahm ab 1973 an verschiedenen Experimenten teil. Besonders interessant war aus Sicht der CIA, dass Price nicht nur gewöhnliche Orte beschreiben sollte, sondern zunehmend nachrichtendienstlich relevante Einrichtungen. Ein entscheidender Versuch betraf eine geheime amerikanische Anlage in West Virginia.



Die Sugar-Grove-Experimente von 1973

Am 29. Mai 1973 wurde ein Experiment mit einem Ziel in West Virginia durchgeführt. Es handelte sich um die Gegend einer geheimdienstlich relevanten Anlage bei Sugar Grove, die mit amerikanischer Kommunikations- und Aufklärungstechnik in Verbindung stand. Dem Viewer wurden geografische Koordinaten übermittelt. Price sollte beschreiben, was sich an diesem Ort befand. Nach den SRI-Berichten beschrieb er unter anderem Geländeformen, Gebäude und technische Einrichtungen. Die Forscher betrachteten einige seiner Angaben als bemerkenswert.

Besonders Aufmerksamkeit erregten spätere Darstellungen, denen zufolge Price Informationen über Innenräume und technische Ausstattung geliefert haben soll, die ihm auf gewöhnlichem Wege nicht zugänglich gewesen seien. Das Experiment war für die CIA interessant, weil die Zielanlage innerhalb der eigenen Sicherheitsstrukturen lag und man daher besser überprüfen konnte, welche Angaben korrekt waren. Allerdings ist bei diesem Versuch zu unterscheiden zwischen den zeitnah dokumentierten Wahrnehmungen und späteren Erzählungen über angeblich besonders spektakuläre Einzelheiten. Die erhaltenen SRI-Berichte zeigen, dass die Forscher den Versuch als Erfolg betrachteten. Historisch war der Versuch folgenreich. Er zeigte den Verantwortlichen eine mögliche nachrichtendienstliche Anwendung und führte dazu, dass die Untersuchungen mit militärisch und geheimdienstlich interessanten Zielen ausgeweitet wurden.



Projekt SCANATE – Remote Viewing mit Koordinaten

In diesem frühen Zeitraum taucht die Bezeichnung SCANATE auf. Der Name wird gewöhnlich aus Scan by Coordinate abgeleitet. Die Grundidee war einfach: Der Viewer sollte einen entfernten Zielort beschreiben, den er lediglich über geografische Koordinaten identifizierte. Damit stellte sich die wichtige Frage, ob Remote Viewing auch ohne einen physisch anwesenden Beacon funktionieren könnte. Für Nachrichtendienste wäre das besonders interessant gewesen. Ein Beacon, der sich am Zielort aufhalten musste, würde bei geheimen sowjetischen Anlagen kaum praktikabel sein. Koordinaten dagegen konnten aus Karten, Satellitenaufnahmen oder anderen Aufklärungsmitteln stammen. Das Koordinatenverfahren eröffnete daher theoretisch die Möglichkeit, jeden geografisch bestimmbaren Ort untersuchen zu lassen.

Es ist wichtig, dieses frühe Koordinatenverfahren nicht mit der späteren strukturierten CRV-Methode zu verwechseln. Bei SCANATE gab es noch nicht das aus sechs Stufen bestehende Trainings- und Sitzungsprotokoll, das Ingo Swann erst Jahre später entwickelte. Die damaligen Koordinaten dienten vor allem dazu, einen Zielort zu kennzeichnen.



Das Semipalatinsk-Experiment von 1974

Einer der berühmtesten frühen Fälle betraf eine sowjetische Forschungs- und Industrieanlage im Gebiet Semipalatinsk, dem heutigen Semei in Kasachstan. Die amerikanischen Nachrichtendienste interessierten sich für die Aktivitäten an dieser Anlage. Pat Price erhielt Koordinaten und sollte den Ort beschreiben. In den damaligen Forschungsberichten wurden anschließend auffällige Übereinstimmungen zwischen seinen Skizzen und bekannten Strukturen hervorgehoben.

Besonders berühmt wurde die Zeichnung einer großen Portalkran- beziehungsweise Krananlage. Price beschrieb eine ungewöhnliche technische Konstruktion, die die Forscher später mit einer mehrstöckigen Kranstruktur am Zielort verglichen. Für die beteiligten Wissenschaftler stellte dieser Fall einen besonders überzeugenden Hinweis dar.



Die wissenschaftliche Veröffentlichung in Nature (1974)

Ein außergewöhnlicher Meilenstein war die Veröffentlichung einer Forschungsarbeit in einer der renommiertesten naturwissenschaftlichen Zeitschriften der Welt. Am 18. Oktober 1974 erschien in Nature der Artikel: Information Transmission Under Conditions of Sensory Shielding.

Autoren waren Russell Targ und Harold Puthoff. In dieser Arbeit beschrieben die Forscher ihre frühen Versuche zur Informationsübertragung unter sensorischer Abschirmung. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Ergebnisse auf eine möglicherweise bisher unbekannte Wahrnehmungsmodalität hindeuteten, die sich unter Laborbedingungen untersuchen lasse. Die Veröffentlichung war aus mehreren Gründen von großer Bedeutung. Erstens erhielt die Forschung dadurch internationale Aufmerksamkeit. Zweitens konnte sie nun nicht mehr ausschließlich als geheime oder interne Regierungsforschung betrachtet werden. Drittens wurde das Thema zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung, die über die folgenden Jahrzehnte andauern sollte.

Die Veröffentlichung bedeutete allerdings nicht, dass Nature die Existenz von Remote Viewing als Tatsache anerkannt hätte. Wissenschaftliche Zeitschriften veröffentlichen auch explorative und kontroverse Untersuchungen. Damit war bereits in den 1970er-Jahren jene wissenschaftliche Kontroverse entstanden.



Das erste Ende der CIA-Finanzierung

Mitte der 1970er-Jahre begann die CIA ihre direkte Unterstützung zu reduzieren. Das hatte mehrere Gründe. Innerhalb des Nachrichtendienstes gab es erhebliche Skepsis gegenüber den Forschungsergebnissen. Einige Verantwortliche sahen keinen ausreichenden Beweis dafür, dass Remote Viewing zuverlässige Informationen liefern konnte. Hinzu kamen politische Veränderungen und eine zunehmende öffentliche Kontrolle der amerikanischen Geheimdienste. Unter diesen Umständen waren Programme, die sich mit ungewöhnlichen Bewusstseinsphänomenen und Experimenten an Menschen beschäftigten, politisch besonders sensibel.

Die CIA beendete ihre direkte Förderung des SRI-Programms Mitte der 1970er-Jahre beziehungsweise zog sich bis 1977 aus der unmittelbaren Forschung zurück. Das bedeutete jedoch keineswegs das Ende des Remote Viewing. Vielmehr begann nun eine Verschiebung der Zuständigkeit zu militärischen Einrichtungen. Die amerikanische Luftwaffe und später das Heer sowie die DIA zeigten weiterhin Interesse. Aus einer vorwiegend wissenschaftlichen Fragestellung entwickelte sich zunehmend ein militärisches Aufklärungsprojekt.

Von Wissenschaft zur militärischen Aufklärung (1975–1980)

Nachdem sich die CIA aus der direkten Finanzierung zurückgezogen hatte, interessierten sich andere Teile des amerikanischen Sicherheitsapparates weiterhin für die Forschungsarbeiten am SRI. Insbesondere die Foreign Technology Division der amerikanischen Luftwaffe spielte eine wichtige Rolle. Sie war mit der Analyse ausländischer, insbesondere sowjetischer Technologien beschäftigt. Hier taucht erstmals einer jener Männer auf, die später über viele Jahre die staatlichen Remote-Viewing-Programme begleiten sollten: Dale Graff - Physiker und Nachrichtendienstmitarbeiter, der die Erforschung und Anwendung von Remote Viewing zunächst im Umfeld der Luftwaffe und später innerhalb der DIA unterstützte. Er war einer der wichtigsten Fürsprecher des Programms.

Graff erkannte den möglichen Wert einer Methode, mit der sich technische Einrichtungen, militärische Anlagen oder unbekannte Aktivitäten eines Gegners erkunden ließen. Entscheidend war dabei, dass Remote Viewing nicht unbedingt als Ersatz für andere Aufklärungsmethoden betrachtet wurde. Es konnte theoretisch eine zusätzliche Informationsquelle darstellen. So könnte beispielsweise eine Satellitenaufnahme zeigen, dass sich auf einem sowjetischen Werftgelände ein großes, geschlossenes Gebäude befand. Die Satellitenaufklärung könnte jedoch möglicherweise nicht feststellen, was innerhalb des Gebäudes gebaut wurde. Ein Remote Viewer sollte versuchen, genau diese Informationslücke zu schließen. Das Ziel war, Hinweise zu gewinnen, die anschließend durch konventionelle Aufklärung überprüft werden konnten. Diese Vorstellung wurde für die spätere militärische Anwendung besonders wichtig.



Die weitere wissenschaftliche Arbeit am SRI

Parallel zu den ersten militärischen Kontakten setzte das SRI seine experimentelle Forschung fort. 1976 erschien eine wichtige Veröffentlichung von Puthoff und Targ in den Proceedings of the IEEE: A Perceptual Channel for Information Transfer over Kilometer Distances: Historical Perspective and Recent Research.

Darin erläuterten die Forscher ihren Ansatz, Remote Viewing als möglichen Informationskanal zu untersuchen. Die Veröffentlichung behandelte frühere Forschung, eigene Versuche und methodische Fragestellungen. Das Forschungsinteresse ging zunehmend über die bloße Beschreibung entfernter Orte hinaus. Untersucht wurden unter anderem:

  • Die Bedeutung geografischer Entfernung.

  • Die Rolle des Bewusstseinszustands.

  • Die Frage nach besonders geeigneten Versuchspersonen.

  • Die Möglichkeit, Fähigkeiten durch Übung zu verbessern.

  • Die Rolle des Feedbacks.

  • Unterschiede zwischen spontanen Eindrücken und analytischen Interpretationen.

  • Die Möglichkeiten statistischer Auswertung.

1977 veröffentlichten Targ und Puthoff außerdem das Buch Mind-Reach: Scientists Look at Psychic Abilities. Damit wurde ein Teil der Forschung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Das hatte allerdings auch Nachteile für die geheimdienstliche Perspektive. Einerseits konnte die wissenschaftliche Veröffentlichung den Forschern Anerkennung verschaffen. Andererseits musste die amerikanische Regierung abwägen, welche Erkenntnisse für die Öffentlichkeit bestimmt waren und welche möglichen Anwendungen geheim bleiben sollten. Die wissenschaftliche Forschung und der staatliche Geheimhaltungsanspruch befanden sich damit in einem Spannungsverhältnis.



Edwin May tritt in das Forschungsprogramm ein 1976 kam mit Edwin C. May ein weiterer bedeutender Wissenschaftler zum SRI-Programm. May war Physiker, der später die wissenschaftliche Leitung der Forschung übernahm. Besonders wichtig wurden seine Arbeiten zur experimentellen Methodik, statistischen Auswertung und zu möglichen Einflussfaktoren auf Remote-Viewing-Ergebnisse.

Durch seinen naturwissenschaftlichen Hintergrund beschäftigte er sich intensiv mit der Frage, wie sich die Ergebnisse experimentell überprüfen ließen. Während Puthoff und Targ besonders durch die frühen Ortsbeschreibungen bekannt wurden, prägte May zunehmend die spätere Phase der Forschung. Unter seiner Leitung rückten stärker kontrollierte Versuchsanordnungen und quantitative Bewertungsverfahren in den Mittelpunkt. May interessierte sich dafür, ob sich die Ergebnisse abhängig von bestimmten Eigenschaften des Targets, der Versuchsperson und der Versuchsdurchführung veränderten. Auch die Frage nach einem möglichen physikalischen Mechanismus spielte eine Rolle. Der tatsächliche Mechanismus blieb jedoch ungeklärt.



GONDOLA WISH – Die amerikanische Armee steigt ein (1977)

Während die Luftwaffe und die DIA die Forschung verfolgten, entstand innerhalb der amerikanischen Armee ein eigenes Interesse an praktischen Anwendungen. Dabei spielte F. Holmes „Skip“ Atwater eine zentrale Rolle. Er war Offizier und Nachrichtendienstmitarbeiter der US-Armee, der wesentlich am Aufbau der späteren operativen Remote-Viewing-Einheit in Fort Meade beteiligt war.

Atwater beschäftigte sich mit der Möglichkeit, ungewöhnliche Wahrnehmungsphänomene militärisch einzusetzen. Unter der Bezeichnung GONDOLA WISH wurde ab etwa 1977 eine Erkundungs- und Vorbereitungsphase durchgeführt. Die genaue organisatorische Einordnung einzelner Aktivitäten ist in den historischen Darstellungen nicht immer einheitlich, weil sich verschiedene Zuständigkeiten und Projektbezeichnungen teilweise überschnitten. Grundsätzlich ging es darum, festzustellen, ob Remote Viewing als nachrichtendienstliche Methode eingesetzt werden könnte und ob man geeignete Soldaten dafür finden konnte.

Dabei bestand ein wichtiger Unterschied zu den SRI-Experimenten. Das Militär wollte sich nicht dauerhaft ausschließlich auf besonders begabte zivile Versuchspersonen verlassen. Die Armee verfügte über eigene Mitarbeiter, konnte sie einem Geheimhaltungsregime unterstellen und ihre Tätigkeit in bestehende Nachrichtendienststrukturen integrieren. Langfristig sollte deshalb eine eigene militärische Remote-Viewing-Fähigkeit aufgebaut werden.



Fort Meade – Die Entstehung einer geheimen Einheit

Der wichtigste Standort für die militärische Remote-Viewing-Anwendung wurde Fort George G. Meade in Maryland. Dort befanden sich verschiedene militärische und nachrichtendienstliche Einrichtungen. Die Remote-Viewing-Einheit war organisatorisch dem amerikanischen Militärnachrichtendienst zugeordnet, insbesondere dem U.S. Army Intelligence and Security Command, kurz INSCOM. 1978 erhielt INSCOM den Auftrag, ein Programm zur nachrichtendienstlichen Nutzung sogenannter psychoenergetischer Fähigkeiten aufzubauen. Es sollte drei zentrale Aufgaben haben:

  • Geeignete Mitarbeiter auszuwählen und in Remote Viewing auszubilden.

  • Verfahren für die Nutzung von Remote Viewing zur Informationsgewinnung zu entwickeln.

  • Ein System einzurichten, mit dem Nachrichtendienststellen konkrete Aufgaben an die Einheit übermitteln konnten.





Die Auswahl der ersten militärischen Viewer

Einer der ersten Schritte bestand in der Auswahl geeigneter Personen. Die Armee suchte vor allem innerhalb ihres eigenen Nachrichtendienstpersonals. In späteren Darstellungen der Beteiligten wird berichtet, dass man Soldaten und zivile Mitarbeiter auswählte, die eine gewisse Offenheit gegenüber dem Thema mitbrachten und für die Tätigkeit geeignet erschienen. Zu den frühen militärischen Viewern gehörten insbesondere:

  • Joseph McMoneagle - Einer der bekanntesten operativen Viewer. Innerhalb des Programms wurde er als „Remote Viewer 001“ bezeichnet. Er war an zahlreichen militärischen Projekten beteiligt und veröffentlichte später umfangreiche Erinnerungen an seine Arbeit.

  • Mel Riley - Frühes Mitglied der Fort-Meade-Einheit. Er war sowohl während der ersten GRILL-FLAME-Phase als auch später erneut im Programm tätig.

  • Ken Bell - Gehörte zum frühen Personal der militärischen Remote-Viewing-Aktivitäten. Über seine Tätigkeit wurde öffentlich deutlich weniger bekannt als über die von McMoneagle oder Riley.

Anders als vielfach dargestellt, waren die militärischen Viewer zu diesem Zeitpunkt noch nicht durchgehend nach dem späteren CRV-Protokoll ausgebildet. Sie verwendeten zunächst Verfahren, die aus den frühen SRI-Experimenten und verwandten Methoden hervorgegangen waren. Die systematische CRV-Ausbildung entstand erst in den folgenden Jahren.



GRILL FLAME – Der Beginn des militärischen Programms (1978)

Ab 1978 wurde die Bezeichnung GRILL FLAME für wesentliche Teile der militärischen Remote-Viewing-Aktivitäten verwendet. Der Name war ein Deckname, der den eigentlichen Zweck des Projekts verschleiern sollte. Unter GRILL FLAME wurden verschiedene, teilweise organisatorisch getrennte Tätigkeiten zusammengefasst. Dazu gehörten die operative Arbeit der Armee, Untersuchungen der DIA und Forschungsaufträge an das SRI. Das Ziel bestand darin, Remote Viewing auf konkrete nachrichtendienstliche Aufgaben anzuwenden. Dabei sollten die Viewer beispielsweise militärische Einrichtungen beschreiben, Informationen über technische Systeme liefern oder Hinweise auf unbekannte Aktivitäten geben. Für das Militär stellte sich weniger die abstrakte Frage, ob ein Phänomen existierte. Vielmehr musste die Einheit konkrete Anforderungen erfüllen. Ein Auftraggeber konnte beispielsweise nach einer bestimmten sowjetischen Einrichtung fragen. Der Viewer erhielt Informationen, die das Target identifizierten, ohne ihm den eigentlichen Gegenstand offenzulegen. Die Ergebnisse wurden dokumentiert und an den Auftraggeber weitergeleitet. Dort mussten sie mit vorhandenen Informationen verglichen werden.

Das Verfahren war noch nicht mit dem später standardisierten CRV-Protokoll identisch. Häufig wurden Sessions durch einen Interviewer oder Monitor begleitet, der den Viewer durch die Untersuchung führte. Wichtig war dabei, zwischen den spontanen Wahrnehmungen und möglichen Interpretationen zu unterscheiden. Bereits diese frühen Verfahren enthielten Elemente, die später in der CRV-Methodik eine zentrale Rolle spielen sollten.



Die ursprüngliche Bedeutung von Blindheit und Monitoring

Ein grundlegendes Problem bestand darin, dass eine Versuchsperson Informationen nicht nur auf paranormalem Wege, sondern auch durch unbeabsichtigte Hinweise erhalten konnte. Daher experimentierte man mit unterschiedlichen Formen der Abschirmung. Ein Viewer konnte beispielsweise allein wissen, dass ein bestimmter Ort beschrieben werden sollte, ohne dessen tatsächliche Identität zu kennen. Ein Monitor konnte mit der Aufgabenstellung vertraut sein oder ebenfalls blind arbeiten. Letzteres war wissenschaftlich besonders interessant, da sich damit das Risiko einer unbeabsichtigten Informationsübertragung reduzierte. In der praktischen militärischen Arbeit war allerdings nicht jede Session vollständig doppelblind. Einige Aufgabenstellungen enthielten bereits Informationen, die den Viewer in eine bestimmte Richtung lenken konnten. Das erschwert aus heutiger Sicht die objektive Bewertung vieler operativer Ergebnisse.

Gleichzeitig zeigt es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen experimenteller Forschung und militärischer Praxis. Im wissenschaftlichen Experiment versucht man, möglichst viele Informationskanäle auszuschließen. Bei einer nachrichtendienstlichen Operation interessiert man sich zunächst für verwertbare Informationen – auch wenn die Versuchsanordnung nicht allen wissenschaftlichen Anforderungen entspricht.



Das Geiseldrama von Teheran (1979–1981)

Eine der bedeutendsten frühen Anwendungen des militärischen Remote Viewing erfolgte während der Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft in Teheran. Am 4. November 1979 besetzten iranische Studenten die US-Botschaft. 52 amerikanische Staatsbürger wurden schließlich über einen Zeitraum von 444 Tagen festgehalten. Die Krise entwickelte sich zu einem außenpolitischen Desaster für die Regierung von Präsident Jimmy Carter. In dieser Situation wurden zahlreiche nachrichtendienstliche Mittel eingesetzt, um Informationen über die Geiseln, ihre Aufenthaltsorte und mögliche Befreiungsoperationen zu gewinnen. Auch die GRILL-FLAME-Einheit erhielt entsprechende Aufgaben. Freigegebene Protokolle zeigen, dass Viewer gebeten wurden, einzelne Geiseln zu lokalisieren, ihre Umgebung zu beschreiben und Informationen über mögliche Veränderungen der Situation zu gewinnen. Die Viewer erhielten einen konkreten Auftrag. Ihre Aussagen wurden aufgezeichnet, gegebenenfalls durch Zeichnungen ergänzt und anschließend an die zuständigen Stellen weitergegeben. Die Interpretation und Verwendung der Informationen lag ausdrücklich beim Auftraggeber.



Der Übergang von der Forschung zur regulären Anwendung

Um 1980 war damit eine neue Situation entstanden. Am SRI wurden weiterhin Experimente durchgeführt, die den Anspruch hatten, grundlegende Fragen zu untersuchen. In Fort Meade arbeitete dagegen eine militärische Einheit mit konkreten Aufträgen. Es waren zwei Seiten desselben staatlichen Forschungs- und Entwicklungsumfelds. Die operative Einheit benötigte geeignete Viewer und möglichst zuverlässige Methoden. Die Forscher am SRI wiederum erhielten aus den praktischen Anwendungen Hinweise darauf, welche Probleme besonders relevant waren.

Eines dieser Probleme war die Frage nach der Ausbildung. Einige Viewer erzielten nach den Bewertungen der Beteiligten bemerkenswerte Ergebnisse, während andere deutlich schlechter abschnitten. Zudem schwankte die Qualität der Ergebnisse selbst bei erfahrenen Viewern. Eine reine Auswahl vermeintlicher Naturtalente erschien deshalb auf Dauer unzureichend. Wenn Remote Viewing zu einer regulären militärischen Fähigkeit werden sollte, musste man versuchen, den Vorgang zu standardisieren. An genau diesem Punkt begann die Entwicklung des Coordinate Remote Viewing.

Die Entstehung des Coordinate Remote Viewing (1980–1986)

Die frühe Forschung beruhte weitgehend auf offenen Wahrnehmungsversuchen. Ein Viewer entspannte sich, richtete seine Aufmerksamkeit auf ein Target und berichtete, welche Eindrücke entstanden. Diese Methode hatte aus militärischer Sicht mehrere Schwächen. Erstens war sie relativ stark von individuellen Fähigkeiten abhängig. Zweitens gab es kein einheitliches Verfahren, mit dem man neue Viewer schrittweise ausbilden konnte. Drittens war es schwierig, zwischen spontanen Sinneseindrücken und analytischen Interpretationen zu unterscheiden. Viertens ließ sich die Qualität einer Session nicht ohne Weiteres mit der anderer Viewer vergleichen.

Ingo Swann beschäftigte sich daher mit der Frage, ob die Wahrnehmung in einzelne Bestandteile zerlegt werden konnte. Seine Grundüberlegung war, dass der menschliche Verstand möglicherweise unterschiedliche Verarbeitungsschritte durchläuft, bevor aus einem zunächst unbestimmten Eindruck eine konkrete Vorstellung wird. Er unterschied dabei zwischen unmittelbaren, eher sensorischen Wahrnehmungen und der analytischen Verarbeitung durch den Verstand. Eine Person könnte beispielsweise zunächst etwas Kaltes, Glattes und Metallisches wahrnehmen. Erst anschließend könnte die Vorstellung entstehen, es handele sich um ein Flugzeug.

Swann ging davon aus, dass diese Interpretation die weitere Wahrnehmung beeinflussen und damit verfälschen konnte. Die neue Methode sollte deshalb dafür sorgen, dass der Viewer zunächst bei grundlegenden Wahrnehmungen blieb und komplexere Informationen erst schrittweise erarbeitete. Damit entstand das Konzept eines strukturierten Verfahrens.



Von der freien Wahrnehmung zum Stufenprotokoll

Zwischen etwa 1980 und 1981 entwickelten Swann und Puthoff die ersten Elemente einer neuen Trainingsmethode. Die Idee bestand darin, den Wahrnehmungsprozess in mehrere aufeinanderfolgende Stufen zu unterteilen. Diese Stufen sollten aufeinander aufbauen. Der Viewer sollte nicht von Anfang an versuchen, den gesamten Zielgegenstand zu identifizieren. Stattdessen begann er mit grundlegenden Eindrücken und arbeitete sich schrittweise zu komplexeren Informationen vor. Die Entwicklung erfolgte über mehrere Jahre. Im März 1981 erste Trainingssitzungen für Stufe 1 statt. 1982 begann die erste formale militärische CRV-Ausbildung. Die später bekannte Struktur mit sechs Stufen wurde weiterentwickelt und bis zur Mitte der 1980er-Jahre ausformuliert.



Die sechs Stufen des ursprünglichen CRV

  • Ideogramm und erste Gestaltwahrnehmung - Erste spontane Reaktion auf das Target und grobe Gestaltmerkmale

  • Sensorische Eindrücke - Farben, Temperaturen, Oberflächen, Gerüche, Geräusche und weitere Sinnesqualitäten

  • Räumliche Wahrnehmung - Skizzen, räumliche Beziehungen, Dimensionen und grundlegende Strukturen

  • Strukturierte Informationsmatrix - Systematische Erfassung verschiedener Wahrnehmungskategorien und analytischer Reaktionen

  • Gezielte Vertiefung - Abruf beziehungsweise Untersuchung bestimmter bereits auftretender Informationsaspekte

  • Modelle und komplexe Beziehungen - Dreidimensionale Modelle, räumliche und funktionale Zusammenhänge

Diese Zusammenfassung beschreibt den historischen Grundaufbau. Einzelheiten der Terminologie und der praktischen Durchführung wurden im Verlauf der Entwicklung weiter präzisiert. Eine Besonderheit des CRV war die systematische Behandlung sogenannter Analytical Overlays, kurz AOLs.

Dabei handelte es sich um analytische Vorstellungen und Interpretationen, die aus unmittelbaren Wahrnehmungen entstehen konnten. Ein Viewer sollte lernen, solche Vorstellungen zu erkennen, gesondert zu dokumentieren und nicht unkritisch als Targetinformation zu übernehmen. Aus Swanns Sicht war genau diese Unterscheidung zwischen Wahrnehmung und Interpretation besonders wichtig. Zudem erhielt die schriftliche Dokumentation einen hohen Stellenwert. Der Viewer sollte seine Eindrücke möglichst unmittelbar festhalten, um nachträgliche Veränderungen und gedankliche Ausschmückungen zu begrenzen.



Coordinate Remote Viewing oder Controlled Remote Viewing?

Eine wichtige historische Besonderheit betrifft die Bezeichnung CRV. Ursprünglich stand die Abkürzung für Coordinate Remote Viewing. Das ist auch in den zeitgenössischen militärischen Unterlagen dokumentiert. Der Begriff bezog sich auf die Arbeit mit Koordinaten als Targetreferenz. Erst später, insbesondere im Umfeld der zivilen Verbreitung nach dem Ende des Regierungsprogramms, setzte sich die Bezeichnung Controlled Remote Viewing durch.

Beide Bezeichnungen meinen daher nicht zwei völlig unabhängig entstandene Verfahren. Sie beziehen sich auf dieselbe methodische Entwicklung, wobei sich Name und teilweise auch die spätere Lehrpraxis veränderten. Für eine historische Darstellung ist wichtig, dass in den Originaldokumenten aus den 1980er-Jahren in der Regel von Coordinate Remote Viewing gesprochen wird.



Die ersten militärischen CRV-Schüler Die ersten regulären CRV-Ausbildungen begannen 1982. Zu den ersten Teilnehmern gehörten Tom McNear und Rob Cowart. McNear wurde zu einer besonders wichtigen Persönlichkeit, weil er die gesamte sechs Stufen umfassende Ausbildung durchlief. Er schloss die Ausbildung bis zur Stufe 6 im April 1984 ab.

Eine weitere Ausbildungsgruppe begann 1984. Zu ihr gehörten unter anderem Bill Ray, Charlene Cavanaugh – später auch unter dem Namen Shufelt bekannt – und Paul H. Smith. Ed Dames nahm ebenfalls zeitweise an der Ausbildung teil, war jedoch nicht in gleicher Weise regulärer Teilnehmer des gesamten Ausbildungsgangs.

Die Ausbildung erstreckte sich über längere Zeiträume. Das hatte auch damit zu tun, dass die Teilnehmer reguläre militärische Aufgaben wahrnahmen und die Ausbildung mit dem Dienstbetrieb vereinbart werden musste. Zudem wurde das Verfahren während dieser Zeit selbst noch weiterentwickelt. Die Vorstellung, dass 1981 bereits das vollständige, endgültige Sechs-Stufen-System in unveränderter Form vorgelegen habe, wäre daher historisch ungenau.



Lyn Buchanans Beitritt zur Einheit

Lyn Buchanan, ein Sergeant First Class der US-Armee, war von 1984 bis 1992 Remote Viewer in Fort Meade. Er war zuvor in Deutschland stationiert gewesen und hatte für Aufsehen gesorgt, als zeitgleich mit einem spontanen Wutausfall große Teile der Computeranlagen des US-Militärs entlang der ostdeutschen Grenze ausfielen. Dieser Vorfall führte dazu, dass Buchanan in die Remote Viewing Einheit eingeladen wurde. Dort war er zudem als Datenbankmanager, Materialverwalter und späterer Ausbilder tätig. Seine Geschichte ist niedergeschrieben in seinem Buch The Seventh Sense.



Das CRV-Handbuch von 1985/1986

Die entwickelte Methode wurde in verschiedenen militärischen Unterlagen dokumentiert. Besonders wichtig sind zwei Dokumente:

  • Februar 1985 – Coordinate Remote Viewing: Stages I–VI and Beyond. Das Arbeitspapier beschrieb die Stufen und weiterführende Aspekte der Methode.

  • Mai 1986 – Das interne CRV-Handbuch der DIA. Hier wurde die Methode für die militärische Anwendung und Ausbildung dokumentiert. Dieses zweite Dokument bildete später eine wichtige Grundlage der zivilen CRV-Lehre.

Das häufig verbreitete CRV-Handbuch ist deshalb keine nachträgliche freie Rekonstruktion ehemaliger Militärviewer, sondern geht auf die tatsächliche Dokumentation des staatlichen Programms zurück.



Die Bedeutung der CRV-Entwicklung

Die Entwicklung des CRV veränderte die Zielsetzung der staatlichen Remote-Viewing-Aktivitäten. Bis dahin hatte man hauptsächlich untersucht, ob bestimmte Menschen zu ungewöhnlichen Wahrnehmungsleistungen fähig waren. Mit CRV entstand erstmals ein umfassender Versuch, daraus eine systematisch vermittelbare Methode zu machen. Die Forscher hofften, auf diese Weise geeignete Personen gezielt auszubilden und die Qualität der Ergebnisse zu verbessern.

Aus der Sicht des Militärs hatte dies enorme Bedeutung. Eine Fähigkeit, die nur einzelne, schwer verfügbare Naturtalente besitzen, lässt sich kaum in eine militärische Organisation integrieren. Eine trainierbare Methode dagegen könnte theoretisch standardisiert, geprüft und an geeignete Mitarbeiter weitergegeben werden.

Die Konsolidierung: CENTER LANE (1982–1985)

Anfang der 1980er-Jahre geriet GRILL FLAME zunehmend unter politischen und administrativen Druck. Das Programm kostete Geld, seine Ergebnisse waren umstritten und die Geheimhaltung erschwerte die öffentliche Rechtfertigung. Hinzu kamen rechtliche Fragen. Die militärischen Aktivitäten wurden innerhalb der Armee teilweise als Experimente an Menschen eingeordnet. Damit unterlagen sie besonderen Vorschriften des Verteidigungsministeriums. Die rechtlichen Prüfungen begannen bereits 1979. Spätestens 1980 wurde die Auffassung vertreten, dass die entsprechenden Schutz- und Genehmigungsverfahren eingehalten werden mussten. Diese Fragen waren keineswegs bloße Formalitäten. Ein geheimdienstliches Forschungsprogramm, das menschliche Versuchspersonen einsetzt, musste bestimmte administrative Bedingungen erfüllen, selbst wenn die Tätigkeiten nach Aussage der Beteiligten keine unmittelbaren körperlichen Gefahren beinhalteten.

1982 entstanden zusätzliche Finanzierungsprobleme. Im Rahmen der nationalen Geheimdienstfinanzierung wurden Einschränkungen für die entsprechenden Aktivitäten wirksam. Die Armee suchte deshalb nach Wegen, das operative Programm fortzusetzen.



Die Entstehung von INSCOM CENTER LANE

Am 3. Dezember 1982 wurde nach einem freigegebenen Armeedokument die neue Bezeichnung CENTER LANE wirksam. Das Programm blieb im Bereich von INSCOM und setzte die operative Arbeit fort. Dabei ist die Unterscheidung zwischen der politischen Entscheidung, der organisatorischen Umsetzung und der späteren Berichterstattung wichtig. In historischen Übersichten wird CENTER LANE daher häufig erst ab 1983 geführt. Das ist kein grundsätzlicher Widerspruch: Die Umstellung begann Ende 1982, während der neue Name die folgenden Jahre prägte.



Die Arbeitsweise von CENTER LANE

CENTER LANE war keine reine Forschungseinrichtung. Die Aufgabe bestand darin, Remote Viewing für die Informationsbeschaffung einzusetzen. Dazu wurden konkrete Aufträge bearbeitet, die von militärischen und nachrichtendienstlichen Stellen kamen. Der grundsätzliche Ablauf war folgender:

  • Nachrichtendienstlicher Auftraggeber - Definiert das Informationsbedürfnis

  • Tasking und Targetvorbereitung - Festlegung des Ziels, gegebenenfalls Blindhaltung des Viewers

  • Remote-Viewing-Session - Wahrnehmungen, Protokoll, Skizzen und Monitoring

  • Auswertung der Rohdaten - Sichtung und Aufbereitung der Angaben

  • Rückmeldung an den Auftraggeber - Vergleich mit anderen Informationen und Entscheidung über weitere Maßnahmen

Eine Besonderheit war, dass Remote-Viewing-Ergebnisse nachrichtendienstlich nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage gedacht waren. Sie sollten Hinweise liefern, die durch andere Quellen bestätigt oder widerlegt werden konnten. Zu diesen Quellen gehörten beispielsweise Satellitenbilder, Funkaufklärung, menschliche Informanten oder technische Daten. Die praktische Schwierigkeit bestand darin, dass solche unabhängigen Bestätigungen häufig fehlten. Wenn ein Viewer ein unbekanntes Objekt in einer geheimen sowjetischen Anlage beschrieb, konnte es Jahre dauern, bis die entsprechende Information überprüft werden konnte. Manchmal war eine Überprüfung überhaupt nicht möglich. Dies führte zu einem grundlegenden Problem der Erfolgskontrolle. Ohne belastbares Feedback war schwer festzustellen, ob ein Viewer tatsächlich korrekte Informationen geliefert hatte.



Der Fall der sowjetischen Typhoon-U-Boote

Zu den bekanntesten historischen Beispielen gehört eine Remote-Viewing-Aufgabe im Zusammenhang mit sowjetischen U-Booten. Joseph McMoneagle berichtete später von einer Aufgabe, bei der er eine große sowjetische Industrieanlage beschreiben sollte. Nach seiner Darstellung ging es um ein Gebäude, dessen Inneres mit den verfügbaren Aufklärungsmitteln nicht ausreichend untersucht werden konnte.Er beschrieb sehr große Innenräume und Konstruktionen, die er mit dem Bau von U-Booten in Verbindung brachte.

Besonders bekannt wurde die Angabe, dass es sich um ein ungewöhnlich großes U-Boot mit neuartigen Eigenschaften handeln könne. Der Vorgang wird gewöhnlich mit den sowjetischen U-Booten der Typhoon-Klasse in Verbindung gebracht. Die Typhoon-Klasse gehörte zu den größten jemals gebauten U-Boot-Typen. McMoneagle beschrieb den Vorgang später als einen seiner bedeutendsten operativen Erfolge.

Über die Autoren:

Marie Berthold und Timo Féret

Professionelle Remote Viewer und Trainer bei Into The Matrix